Rede von Minister Lutz Stratmann
Rede des Niedersächsischen Ministers für Wissenschaft und Kultur anlässlich des „Parlamentarischen Abends der Landschaften“ in der VGH Hauptverwaltung am 17. März 2010 in Hannover

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident Dinkla,
sehr geehrter Herr von Lenthe,
sehr geehrter Dr. Pohlhausen
sehr geehrter Herr von Wangenheim,
sehr geehrter Herr Dr. Elster,
sehr geehrter Herr Minister Sander,
sehr geehrter Herr Minister Busemann,
sehr geehrte Abgeordnete des Niedersächsischen Landtages,
meine sehr verehrten Präsidenten und Vorsitzende der Landschaften und Landschaftsverbände,
die Hausaufgaben sind gemacht: die gemeinsam erarbeiteten Zielvereinbarungen zeugen von gewachsenem Vertrauen, aber auch von einem kulturellen Problembewusstsein der Partner.
In Konsequenz der Arbeitskonferenz in Wolfenbüttel am 22. und 23.04.2008 und dem schriftlichen Evaluationsbericht meines Hauses vom 06.05.2008 sind in den Zielvereinbarungen, die wir im Dezember 2009 unterzeichnet haben, neben einer Präambel mit dem Passus „Die Förderung von Kunst und Kultur ist eine öffentliche Aufgabe“, Förderziele des Landes, eine stärkere und problemadäquatere Differenzierung von Zielen und Maßnahmen der Landschaften eingearbeitet. Sie haben, wie vereinbart, Ihre kulturelle Region, deren Stärken und Schwächen analysiert und in den Zielvereinbarungen knapp dargestellt.
Selbst der Landesrechnungshof hat in seinen Prüfungsmitteilungen das Modell der regionalisierten Kulturförderung als grundsätzlich positiv gewürdigt. Alles deutet darauf hin: die regionalisierte Kulturförderung ist zu einem Erfolgsmodell geworden! Dies haben die regionalen Träger und das Land, dies haben wir miteinander erarbeitet und erreicht.
Vor nunmehr 30 Jahren schrieb der damalige Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann der Kulturpolitik ins Stammbuch: „Jeder Bürger muss grundsätzlich in die Lage versetzt werden, kulturelle Angebote in allen Sparten wahrzunehmen…“ Seine Vision war es, kulturelle Teilhabe möglichst vielen, wenn nicht allen Menschen zu ermöglichen. Jeder Einzelne hat einen Anspruch auf Möglichkeiten der Teilhabe an der Kultur.
Gesellschaftspolitisch wird häufig eine ökonomische Teilhabe in den Vordergrund gespielt. Nun, schon Bert Brecht sprach davon, dass erst das Fressen käme und dann die Moral. Aber kulturelle Teilhabe ist keine Orchideenbeschäftigung, die man nur dann vorantreiben kann, wenn die materielle Basis gesichert ist. Sie ist per se existenziell wichtig! Das gilt auch für die Förderung. Ziel muss daher sein, kulturelle Teilhabe für alle anzustreben. Vor dem Hintergrund der Studien von Pierre Bourdieu muss es nicht unbedingt dasselbe Bildungsangebot sein, das man allen anbietet. Es muss uns aber darum gehen, für Zielgruppen ein Angebot zu entwickeln, dass diese auch erreicht. Anders formuliert: es muss auch darum gehen, mit niedrigschwelligen Angeboten zu beginnen und aktiv auf „bildungsferne“ Gruppen zuzugehen.
Von Seiten der Kultureinrichtungen wird an dieser Stelle meist der Begriff „audience development“ eingebracht. Unter diesem Begriff verbergen sich meines Erachtens jedoch zwei unterschiedliche Aspekte. Zum einen wird darunter die Bemühung zu vermehrter Publikumsgewinnung, also zur quantitativen Steigerung der Nachfrage verstanden. Damit ist die Steigerung der Publikumsresonanz zu Zwecken der Legitimation der Einrichtung sowie der Generierung von Einnahmen verbunden. Die Folge ist die Ausrichtung auf besonders (leicht) ansprechbare Zielgruppen.
In Großbritannien hingegen wird mit dem Begriff „audience development“ ein stärker partizipatorisches Konzept verbunden. Nicht die Vergrößerung, sondern die Erweiterung des Publikums im Sinne einer gezielten Erschließung neuer Zielgruppen aus bisher unterrepräsentierten Bevölkerungsteilen wird als zentrale Aufgabe definiert.
Dies bedeutet, die Anstrengungen zur Erhöhung der Nachfrage nicht auf ohnehin, wie es so schön heißt, „kulturaffine“ Bevölkerungsgruppen zu richten. Vielmehr sollen gezielt auch schwieriger zu erreichende Zielgruppen angesprochen werden. Damit handelt es sich um eine „sozialorientierte“ Sicht der Publikumsentwicklung.
In Großbritannien geht man sogar noch einen Schritt weiter: in Verbindung mit Initiativen zur „social inclusion“ liegt der Schwerpunkt hier explizit auf sozial benachteiligten Mitgliedern der Gesellschaft.
Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, einen solchen Ansatz in der regionalisierten Kulturförderung zu vertreten. Noch immer bleibt die Hälfte der Menschen bei unseren Kultureinrichtungen außen vor.
Nur 5 bis 10 % der Bevölkerung bilden den verlässlichen Kern der Vielnutzer, um den sich allerdings immer mehr Anbieter bemühen und für den im letzten Jahrzehnt immer mehr und immer exklusivere Angebote auf öffentliche Kosten zur Verfügung gestellt wurden. Die „kulturelle Spaltung“ zwischen Nutzern und Nichtnutzern kultureller Einrichtungen, die sich anhand sozialer Kriterien klar unterscheiden lassen, hat sogar zu- und nicht etwa abgenommen. Anders formuliert: das Kulturpublikum ist ein „Abiturpublikum“. Der Zusammenhang von sozialer Exklusion und kultureller Ausschließung verfestigt sich. Das Interesse für die Teilhabe an Kultur ist in hohem Maße abhängig vom Bildungsgrad und dem sozioökonomischen Status. Dies trifft übrigens nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz zu. Der Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Pius Knüsel, wird nicht müde, diesen Zusammenhang herauszuheben.
Die Risiken für die Kultur, die sich von solchen Ergebnissen ableiten lassen, sind größer als es sich die Akteure in diesem Politikfeld gemeinhin eingestehen. Ich befürchte, wenn wir nicht gegensteuern, ist das nicht das Ende einer Entwicklung, sondern vielmehr erst ein Anfang.
Bei der regionalisierten Kulturförderung sollten wir diese kulturelle Teilhabe als entscheidendes Moment begreifen. Inwieweit gelingt es unseren Einrichtungen und Projekten in der Region, die kulturelle Teilhabe möglichst vieler sozialer Gruppen zu ermöglichen? Um wen geht es in der Kulturarbeit? Um die Mitte der Gesellschaft oder auch um die Einbeziehung ihrer Ränder? Wie sehen unsere Ansätze und Methoden einer aktivierenden Kulturarbeit aus? Wo in unseren Regionen wird Vorbildliches und Modellhaftes geleistet, das sich nachzuahmen lohnt? Gibt es gar eine neue, zeitgemäße „Kultur für alle“?
Die Verwaltungsreform und die damit einhergehende Auflösung der Bezirksregierung machte es erforderlich, die Kulturförderung in Niedersachsen neu zu organisieren. Damit haben wir überhaupt erst die Möglichkeit erreicht, gemeinsam Zielvereinbarungen als Basis von Qualitätsentwicklung und -Sicherung zu vereinbaren. Lassen Sie uns das auch in die Richtung des Zieles vermehrter kultureller Teilhabe vorantreiben.
Meine Damen, meine Herren, ich möchte mich bei Ihnen allen recht herzlich bedanken, für Ihr Engagement, aber auch für die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit meinem Haus. Das ist die Basis für eine Zukunft. Und auf dieser Basis wird mir auch nicht bange vor den Haushaltsbelastungen in den nächsten Jahren. Die regionalisierte Kulturförderung ist mit Augenmaß geschnitten und lässt keinen Platz für Einsparungen und Kürzungen.
Ich danke Herrn von Wangenheim, Präsident der Südniedersächsischen Landschaft und Geschäftsführer Olaf Martin für die Geschäftsführung von ALLviN.
Ich wünsche dem Landschaftsverband Lüneburg, Herrn Dr. Elster und der Geschäftsführerin Anne Denecke viel Erfolg bei der Fortsetzung der Arbeit in den nächsten zwei Jahren. Als Segler: Allzeit gute Fahrt und immer eine handbreit Wasser unterm Kiel.
Herzlichen Dank!
Lutz Stratmann
Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur
