„Kultur der Regionen“
Vortrag von Prof. Dr. Werner Knopp am „Abend der Landschaften“ 13.02.1997
Kultur der Regionen - Die Landschaften und Landschaftsverbände in Niedersachsen
Vortrag von Prof. Dr. Werner Knopp, Präsident der Stiftung preußischer Kulturbesitz, gehalten beim „Abend der Landschaften“ am 13. Februar 1997 in Hannover, Zentralverwaltung der VGH
Am 15. Juni des vorigen Jahres um 2 Uhr, kurz nach Mittag, versammelte sich eine Gruppe von Interessenten in Cuxhaven zu einer Wanderung. Ziel war ein historischer Streifzug vom Schloß Ritzebüttel zur „Alten Liebe“. Drei Wochen später, am 7. Juli 1996, fand vor der eindrucksvollen Kulisse des Klosters Walkenried im Südharz ein musikalischer Jahrmarkt statt. Am 2. September des vorigen Jahres, pünktlich um 6.15 Uhr abends, wurde in der Universität Osnabrück ein Symposium eröffnet mit dem interessanten Titel: „Rom, Germanien und die Ausgrabungen von Kalkriese“. Am 11. Oktober vorigen Jahres um 20.00 Uhr hob der Dirigent Andreas Mildner in Buxtehude den Taktstock für die Ouvertüre zu „Figaros Hochzeit“. Damit wurde ein Konzert des Internationalen Jugendsinfonieorchesters Elbe-Weser eröffnet. Und am 8. Dezember 1996 wurde im Museum der Stadt Uslar im Solling die Ausstellung eröffnet: „Heimat in der Fremde, Fremde in der Heimat - Wanderungsbewegungen der Bevölkerung im Solling“.
Warum breite ich all das so liebevoll aus? Ich tue es, um Ihnen konkrete Beispiele zu geben für die alltägliche Kulturarbeit, die überall im Lande Niedersachsen geleistet wird, und die eine Kulturarbeit darstellt, die wirklich die Menschen in der Breite erreicht und ihnen etwas bietet. Aber allen diesen Beispielen - Sie können es sich sicher denken - ist natürlich auch ein anderes gemeinsam: sie wurden alle durch Förderung seitens der in Niedersachsen wirkenden Landschaften und Landschaftsverbände ermöglicht.
Wir stoßen damit hier auf die Früchte einer landesspezifischen Form regionaler Kulturförderung. Eine der vielen niedersächsischen Eigenarten, wenn ich so sagen darf, auf welche die Niedersachsen mit Recht stolz sind.
Der Titel „Kultur der Regionen“, den ich meinem Vortrag gegeben habe, hat einen Doppelsinn. Er meint einmal - das, was ich eben vorgeführt habe - die Kultur in den Regionen, er meint aber zum anderen auch die „Kultur der Regionen“ als Teil der politischen Kultur des Landes, die regionale Kulturförderung durch Landschaften und Landschaftsverbände als Teil einer gewachsenen Lebensform.
Der Sinn meines Vortrages soll es sein, gemeinsam nachzudenken über diese Kultur der Regionen, über ihre sachliche Rechtfertigung, ihre Einordnung in den Zusammenhang der Kulturförderung in Deutschland, ihre historischen Wurzeln, ihre Strukturen, ihre Arbeit und ihre Perspektiven. Der Zeitpunkt für ein solches Nachdenken scheint mir nicht ungünstig zu sein. Einmal schärft die Vorbereitung auf neue Integrationsentwicklungen in Europa den Blick auf das Aufgehen unseres Landes und unseres Vaterlandes in immer größeren Räumen, und zum anderen wird die Expo 2000 neben vielem anderen auch den Blick dafür schärfen, wie die modernen Lebensanforderungen uns auf immer weiteren Lebens- #und Arbeitsbereichen in globalisierende Tendenzen hineinbringen, Tendenzen, die einebnen, die egalisieren, die standardisieren. In einer solchen Zeit ist schon die Frage zu stellen, und zwar akut zu stellen: gibt es hier noch Sinn und Behauptungschancen für Regionalpolitik überhaupt und damit auch für regionale Kulturpolitik - wird es nicht zu einem dauernden Spagat kommen zwischen Kontinentalisierung, Globalisierung auf der einen Seite, Verwurzelung, Verankerung in der Region, in der überschaubaren Heimat auf der anderen Seite?